Das Jahr 2012 ist gerade mal einen Monat und ein paar Zerquetschte alt, und doch ist es pickepackevoll mit großen Momenten. So viel wie sich in den vergangenen Wochen getan hat in meinem Leben, so viel ist lange nicht mehr geschehen. Ich kann das selbst noch kaum begreifen, aber ich schätze das alles sehr, vor allem nach den Erlebnissen des letzten Jahres.
Im Moment denke ich permanent “So viel Glück kann man doch gar nicht haben! Wo bleibt der Haken?” – aber manchmal muss man auch einfach nur genießen können.
Am heutigen Winterwonnensonntag hab ich einen kleinen Spaziergang durch die heimische Felderprovinz gemacht, denn mein Buch war erstmal ausgelesen, das soziale Netzwerk meines Vertrauens in Katerstimmung und die Sonne schrie am hellblauen Firmament nach mir. Also gab ich dem Ruf nach, und das war schön. Bei zweistelligen Minusgraden rauchte ich in Elternabwesenheit meine erste Zigarette seit zwei Tagen, ich stelle mich bei dem Thema immer noch an wie zu Schulzeiten, als ich still und heimlich mit einer Freundin am Kirchengemäuer Schokoladenzigaretten anzündete. Ja tatsächlich, das ist leider wahr. Naja, jedenfalls ging ich so in der nachmittäglichen Wintersonne mit Knautschgeräuschen die weißen Feldwege entlang, vorbei an den Kleinstadthäusern meiner Kindheit und Jugend. Das war mir alles so vertraut und doch so fremd. Ein bizarres, bipolares Gefühl breitete sich in mir aus. Aber angenehm. Die äußere Kälte spielte mit der in mir aufkeimenden Wärme.
Bei dieser ganzen Kleinstadtidylle kommt man jedenfalls auf einen Nenner:
es geht nicht hauptsächlich darum, wo man herkommt, sondern darum wo man hingeht.
Es geht nicht hauptsächlich darum wer man mal war, sondern wer man im Laufe der Zeit wird.
Wer im Stillstand verharrt, hat ganz sicher verloren.
Ach Gott, ach ach ach, krass. Was war das denn gestern schon wieder für eine dumpfe Samstagnacht in der Kleinstadt? Ich sitze hier gerade in meinem Zimmer, meine Gedanken sind pfeffigetränkt, mir fallen die Augen zu und ich versuche all das was die vergangenen Stunden passiert ist in Worte zu packen. Irrelevant und trotzdem erschreckend.
Der Abend fing vermeintlich gut an, ein Audiolith-Konzert mit zwei lieben Freundinnen. Das Konzert von Fuck Art Let’s Dance und Captain Capa stand unter keinem guten Stern – es war in Schönwalde und wir waren mit unseren 22 bis 25 Jahren mit Abstand die Ältesten unter den wenigen Besuchern. Sowas hab ich das letzte Mal auf dem Dockville erlebt, schwupps gehört man zum alten Eisen. Da laufen bereits um 22 Uhr vollkommen betrunkene Jugendliche in schwarzen T-Shirts mit grellgelben Audiolithlettern auf der Brust brüllend umher, versuchen nebenbei in der sperrlich besuchten ersten Reihe am meisten Spaß auszuteilen. Labelpflege, und man gehört halt zu etwas dazu. Wir wollten ja alle mal Teil einer Jugendbewegung sein, von der Warte her ist das verständlich und bringt mich einfach nur zum Schmunzeln. Als pubertärer Pickelzwerg besaß ich auch mal Bettwäsche von den Backstreet Boys, immer noch kann ich alle Texte lauthals mitbrüllen, AJ bedeutete damals die Welt für mich. Quit playin’ games with my heart, haben sie ja dann irgendwann auch. Gut, dass sich / dich die Zeiten ändern. Wir drei alten Schabracken befanden uns also unter den Augenpaaren von etlichen jungen Menschen, die bei der Einlasskontrolle gerade so das Siegel des Stempels mit ihrem erst kürzlich erworbenen Ausweis (18 Jahre) passieren konnten. Wo sich Unsereins für das alte Passfoto nur grummelnd schämt, wedeln die Grünschnäbelchen freudig erregt mit den Ausweiskarten. Resümierend lässt sich sagen, die sieben Euro haben sich wie zu erwarten war natürlich nicht gelohnt, aber wir hatten einfach keine Lust schon wieder ein Wochenende in den heimischen WGs zu versauern. Da nimmt man halt überteuerte Preise, kläglich besuchte Konzerte mit Audiotunegedudel auf der Bühne in Kauf.
Nach einem erheiternden Autokassettenintermezzo im Anschluss an das Kistenkonzert entscheiden wir uns angeheitert spontan für den Mensabesuch, die Nacht ist jung und wir sinds leider auch (fernab der Audiolithgemeinde jedenfalls). Dort im Keller angekommen, schnappen wir uns jeweils ein Astra und werden von absoluten Trash-90er-Geballer beschallt, wir grinsen von einem Ohr zum anderen und tanzen uns die Knochen wund, haben Spaß, brüllen unsere Jugendlichkeit in die feuchten Kellergewölbe. An der oberen Bar gebe ich nach ekstatischem Rumspacken zu Tic, Tac, Toe und Britney ein Glas ab, scheinbar streife ich hierbei einen Menschen und werde angepflaumt, und zwar so richtig dumpfbackig von der Seite. Dieser Mensch pöbelt mir ins Ohr, „Eyyy Dicke, pass ma auf wo du hintretst ey.“ Ich stecke den Pfandeuro in die Tasche und frage mich was das da gerade für Hirndurchfall in meinem Ohr war. Genau das sage ich dann auch im Umdrehen zu dem Menschen neben mir an der Bar. Er: krebsroter Teewurstteint, hochgegelte blonde Igelfrisur und hellblaues Polohemd, sagt wieder „Ja haste schon richtig gehört ne, pass ma auf wo du hintrittst Dicke“. Ich fasse es nicht und sage daraufhin „Wie bitte? Was willst du von mir?“ (Man muss den Menschen ja auch eine Chance geben, dachte ich mir. Er hätte ja einfach sagen können, dass es nicht so gemeint war.) „Ja was is?“, sagt er widerrum. „Ja naja, ich meine, wie siehst du denn aus? Was nimmst du dir das Recht heraus so etwas zu mir zu sagen? Rot gebrannt von vier Stunden Solarium täglich siehst du aus wie ein roter Pickel am Arsch. Also was willst du eigentlich von mir, Monsieur?“, entgegne ich diesem Flegel. Danach drehe ich mich von dem Geschehen weg, und verlasse die hoffnungslose sowie dummschwätzerische Situation, in die ich da ungeahnt hineingeraten bin.
Doch nach dem anschließenden Verlassen der Prollparty frage ich mich, warum ich mir sowas eigentlich antue. Es war doch beinahe abzusehen, dass es zu einem derartigen Eklat kommen würde, aber ich war schlichtweg feierwütig und wollte Gas geben. Hab ich gemacht, ich hatte Spaß, aber die minder intellektuelle Seite der Menschheit wohl leider auch. Entschuldigung an mich selbst, ein nächstes Mal wird es für mich in diesem Etablissement nicht mehr geben. Da gehöre ich nicht hin. Mir scheint, dass man für manche Erkenntnisse hin und wieder eine Ohrfeige braucht. Speckige Hummergesichter dieser Welt – ihr dürft zukünftig unter euch bleiben.
Ausgehen in einer kleinen Studentenstadt ist manchmal kein einfaches Unterfangen. Hier werden die Feste tatsächlich noch gefeiert wie sie fallen, denn spontane Clubbesuche gibt es hier gar nicht bzw. höchst selten. Die Höhepunkte sind rar gesät. Vor allem sind sie unverhältnismäßig gering in Anbetracht der Großzahl an Feierwütigen. Dieser missliche Umstand führt unweigerlich dazu, dass die wenigen Clubs am Freitag- und Samstagabend proppevoll gestopft sind. Die Musik ist größtenteils schlecht, weil massenkompatibel, und die abgestempelten Freizeitaktivisten schwanken mit Zielwasser abgefüllt zwischen Barbereich und Tanzplattform hin und her. Draußen vor der Treppe reiht sich das unabgestempelte Fußvolk, dass noch die Ausgehzeiten aus der Großstadt gewöhnt ist. Sie sind zu spät, denn die Anderen waren schon Stunden vor ihnen da. Draußen und drinnen ist nicht nur durch die eiserne Kette separiert, auch der Pegelstand lässt auf die jeweilige Zugehörigkeit schließen. Im Inneren des Clubs wird gewankt, vor der Tür wird gezittert.
Die Menschen vor der Tür harren aus, warten auf das Aushängen der Metallkette, den Fall der Schallmauer und hoffen auf das Gewähren des eigenen Verfalls. Immer wieder sieht man in den Denkblasen der Bibbernden die Frage “Warum tu ich mir das hier eigentlich an?”, aber die ernüchternde Antwort ist auch nicht weit, denn es ist ja sonst nichts los. Also wird gewartet, Wochenende für Wochenende das gleiche, monotone Spiel gespielt.
Am Ende des Abends ist das Portemonnaie leer getrunken, die Hormonwerte runtergetanzt, die Kopfschmerzen sitzen bereits im Nacken, sinnlose Beziehungsstreits wurden ausgefochten und die Stempelmannschaft trottet mit vollgeteerten Lungen nach Hause.
Ja meine lieben Freunde und Bloggoholiker, die große Blogwelt hat ja in den vergangenen 14 Tagen ihre schönsten, beliebtesten und musikalisch hochwertigsten Alben und Musikstücke aufgezählt. Ich für meinen Teil tue nun das Gleiche bloß anders.
Ich präsentiere euch meine persönliche FlopTen aus dem vergangenen Jahr, und bitte:
Platz 10 – Lady Gaga [The Edge of Glory]
Stefani Germanotta aka Lady Gaga hat es knapp, aber doch verdient auf meine persönliche Shitlist geschafft. Die 25jährige New Yorkerin war auch im vergangenen Jahr unüberhörbar dauerpräsent in den Fernsehshows und schlechten Radiosendern dieser Welt vertreten. Bei ihr denke ich mir immer, meine Güte, du kannst doch was Mädchen. Du kannst Klavier spielen, kannst singen und hebst dich aus dem Massenbrei ab – aber diese vorproduzierte, 4/4 Takt Musik mit jeder Menge Ummsumms… Das kannst du doch nicht wirklich gut finden, was du da in die Welt schleuderst? Ich glaube das nicht, das ist seelenloser Proletentango, und Lady Gaga weiß das auch.
Platz 9 - Lana Del Rey [Video Games]
Ja, es scheint mir mittlerweile tatsächlich so, als ob ich hier die Einzige weit und breit bin, die Lana Del Rey zum Durchstreichen findet. Ich weiß nicht, warum die vorgeblich intellektuelle Welt der Musikjournalisten und -hörer so auf diese Trailer Park – Version von Lady Gaga abgeht. Nein. Aber ich weiß, dass ich jemanden, der stimmlich auf Nancy Sinatra macht, stupide Lululutexte schreibt (WOW! Wie fällt dir sowas Kluges nur ein Lana?) und erst hier & da den Schönheitsmechaniker an sich rumschrauben lassen musste um in der Musikwelt anerkannt zu werden, nicht gut heißen kann.
Platz 8 – Alle Farben [Danse im Drauf und Dran Remix]
Zu aller erst: ja das gebastelte Video hier ist super. Aber dann muss ich einfach sagen, aus einem spitzenmäßigen Track innerhalb eines Sets ist im Laufe des vergangen Sommers ein never ending Ohrwurm geworden. In fast jedem Set war dieses Lied irgendwann, als Höhepunkt gedacht, eingebettet. Ich kann das Teil einfach nicht mehr hören, bitte nicht mehr spielen 2012, bitte.
Platz 7 – Unheilig [Geboren um zu leben]
Zwar schon 2010 released, aber trotzdem auch im letzten Jahr als Hintergrundmusik für jede Schicksalsstory mit Happy End verwendet. Der so genannte Graf verteilt Empathie an jedermann, er ist einer aus dem Volke. Wärest du doch einfach dort geblieben.
Platz 6 – Sunrise Avenue [Hollywood Hills]
Ich habe selten so einen gigantischen Haufen Wortmüll in einem Song gehört, dafür gibt’s ja schon fast Respekt von meiner Seite. Verschwindet aus meinem Radio. Auf meiner Haut bildet sich schon Ekelgänsehaut sobald ich das erste Gitarrenriff höre. Skandinavien macht doch sonst auch gute Musik. Was hat euch bloß so ruiniert?
Platz 5 – David Guetta [Sweat feat. Snoop Dogg]
David Guetta ist der Dieter Bohlen Amerikas und die halbe Popwelt ist seine Nutte, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
Platz 4 – Piedro Lombardi [Call My Name]
Der Text hat mich total berührt, auch das detaillierte Arrangement von Dieter Bohlen verzaubert den Zuhörer. Aber irgendwas stört mich daran, ich komm nicht drauf. Vielleicht seine Mütze?
Platz 3 – Casper [Der Druck steigt]
Casper du bist hüsch anzusehen und bringst die Hormonhaushalte sämtlicher Festivalchicks zum Überkochen. Dennoch: Krächzen ist kein Rappen ist keine Musik ist gar furchtbar anzuhören. Und du hast mir ein Lied auf der Thees Uhlmann Platte zerstört.
Platz 2 - Rihanna [California King Bed]
Bei Rihanna sind derart viele Effekte auf der Stimme, dass mich ja langsam echt mal interessieren würde wie sie unver”schönt” so klingt. Stimmlich in den gleichen Topf zu werfen wie Katy Perry, Jason Derulo oder Madonna. Ist doch aber irgendwie schon erstaunlich wie viel man so über ein amerikanisches King Size Bett so sagen kann. Das beinahe Schlimmste an diesem Werk ist die Schrammelgitarre – ist das dann Kuschelrock?
Platz 1 – Alexandra Stan [Mister Sexobeat]
Das Saxophon war mal mein Lieblingsinstrument. Deshalb kann ich nun sagen, Alexandra Stan hat mein Leben verändert. Denn nun verbinde ich auf immer und ewig dieses gruselige Stöhnlied mit dem einst geliebten Instrument.
Ich bin gespannt wie viel ohrenbetäubende, kotzstrahlerrengende und hochintellektuelle Musik auch in diesem Jahr wieder meine Gehörgänge beglücken wird. Auf ein Neues!
Bei Urban Cone werden im kommenden Sommer die rosigen Herzen der deutschen Indiemädchen Achterbahn fahren, da werden Hipsterträume wahr. Da ist die Frage auch egal ob die Jungs überhaupt schon alt genug sind Auto zu fahren, solange es cool aussieht, ist alles gut.
Schweden hat den Dreh einfach raus wie man alle Klischees bedient und dabei trotzdem gute Musik produziert.
Ein Jahr voller Scheiße geht zu ende. Endlich. Ja ehrlich, für 2011 hole ich mir für die eigenen Jahrescharts einen dicken Edding und streiche großzügig durch. Ich möchte gar nicht aufzählen was in den vergangenen Monaten alles gegen die Wand gelaufen ist, in welche noch nie dagewesenen, bodenlosen Emotionslöcher ich geschubst wurde. Nur soviel: that was way too much. Einziger Rettungsschirm, der mich in der Luft hält ist der Gedanke an das Bevorstehende. Ich glaube fest daran, dass alles Schlechte, das einem widerfährt irgendwo auf einem Schlitten etwas Gutes hinter sich herzieht. Und darum bin ich so erfreut über die Zahlenveränderung im Datum. Aus Eins wird Zwei, aus 2011 wird 2012.
Es ist ein sehr befreiendes Gefühl für mich, dass ich doch noch die Initiative ergriffen habe und den Schlussstrich gezogen habe. Nichts ist schwerer als sich das eigene Versagen einzugestehen, aber das Aussprechen der gesponnenen Gedankenstricke ist unerlässlich um weiterzuziehen. Das Bizarre daran ist im Grunde nur, dass man nicht derart auf weiter Flur steht, wie ursprünglich angenommen. Nachdem ich den Satz „Ich höre auf.“ in die Gesprächsrunden geworfen und die ungläubigen Blicke über mich ergehen lassen habe, wandelt sich das Erstaunen in Bewunderung. Bewunderung über den eigenen Mut und das scheinbar kraftvolle Handeln. Zusätzlich höre ich nun zum ersten Mal seit Studienbeginn von den universitären Eskapaden der Anderen, von den Zweifeln und der nicht vorhandenen Stringenz. Sie trauen sich nicht. Sie können es sich nicht erlauben. Und ich bin nicht mehr allein.
Seitdem ich meinen Entschluss gefasst habe, kann ich endlich wieder ruhigen Gewissens schlafen. Mit 22 Jahren auf dem noch kleinen Buckel habe ich das große, spannende Leben noch vor mir. Und dieses Leben packe ich jetzt an seinen Hörnern und reite darauf weg. Ich plane meine Zukunft, und die wird seit langem wieder rosig. Ganz bestimmt.
Es gibt solche Nächte, da ist nichts größer als die Sehnsucht nach einer fertig gedrehten Zigarette. Und Gesetz dem Falle, diese Sehnsucht lässt sich mit einem nächtlichen Spaziergang durch die menschenleeren Straßen der Kleinstadt verbinden, grenzt das beinahe schon an Perfektion. Der Vollmond bestrahlt neonröhrengleich die nassgeregneten Bürgersteige, ich schalte den Automaten mit einem Knopf ein und fische mir eine Packung Gauloises heraus. Die Befriedigung kommt nicht von der sofort angesteckten Zigarette, sie kommt aus den Schritten auf dem Asphalt.