Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen

Sie sprießen derzeit aus jedem noch so entlegenen, studentenbeseelten Wipfel der Republik. Hinter ihnen liegt eine große, wenn auch sehr kurze Reise. Sie kommen aus dem Social-Media-Hochburg auf der anderen Seite des Atlantiks, dort, wo auch Facebook, Flickr und Co. ihre ersten Wurzeln im fruchtbaren Boden des World Wide Web ausbreiteten. Die Rede ist an dieser Stelle von den sogenannten „Spotted: xyz*“-Facebookseiten.  Das Prinzip ist so alt wie simpel: einsame Person 1 hat attraktive Person 2 in irgendeinem Supermarkt, Club, Bibliothek  oder sonst dergleichen gesehen, sich binnen weniger Sekunden spontan verliebt und hofft nun auf die große Liebe. Anstatt seinem normalen Tagewerk nachzugehen, macht sich Person 1 nun via „Spotted“ auf die Suche nach seinem ersehnten Liebespartner und schreibt eine kurze Suchanzeige mit markanten Anekdoten aus der ersten Begegnung. Das kann dann so träumerisch schön wie in Variante A aussehen:

>>ER: 17.01.2013 n.Chr.:
Letzter Donnerstag vor der Mensa!
Bei uns finden traditionell die als Lernzirkel getarnten ritualisierten Besäufnisse vor dem abendlichen Ausgang statt. Auch ich als honoriger Student partipiziere an diesem Mythos. Bereits um 21.30 Uhr bin ich ordentlich behopft, um nicht zu sagen breit wie ein Überseekoffer. Koordination, Orientierung und Sprachkompetenz sind nur noch rudimentär vorhanden, daher separiere ich mich von der Gruppe und suche schlafwandlerisch das Caspar auf. Um mich zu erfrischen, verkonsumiere ich zwei Helle und diverse fremdländische Spirituosen. Die Musik ist à la bonne heure, da vorrangig Stücke meiner beiden Lieblingsbands „Backstreet Boys“ und „Pur“ die Massen elektrisieren. Neben mir an der Bar steht eine sektlaunige Mädchengruppe, ich beginne mich nonverbal, allerdings auch ohne Körperkontakt, mit der blonden Gruppenführerin über den sog. Augengruß zu vergnügen. Später wird noch eine kurze gemeinsame Tanzeinlage gewagt, doch dann schnippse ich übermütig dem Barkeeper an sein rechtes Ohr und werde unsanft aus der Lokalität entfernt. Deine zaghaften Proteste sind vergebens, rücksichtslos zerstört der Security unsere gemeinsame Zukunft.
Eine Deiner Freundinnen trug eine schwarze Brille, studiert BWL und schien mich aufgrund meines animalischen Gebarens heftig zu verabscheuen. Mehr ist meiner Erinnerung nicht geblieben, WER bist’n Du???<<

Oder es ist extrem unangenehm und löst lediglich Fremdscham aus, wie in Variante B:

>>Er: „Verdammt! und wieder den Namen vergessen! Mein Kumpel kannte Sie nicht, doch auf die Frage „Kennst du schon…“ biss Sie an! wir sind erst in den Keller der Mensa und dann gab Sie mir einen Korb! welchen ich nach 2 weiteren Blickkontakten geknickt hin nahm… doch nach der Mensa-Club-Party versuchte mir Sie es zu erklären!
Ich brachte Sie bis zum Markt. wo ihre Freundinnen auf sie warteten und sie mir unverbindlich auswich. Sie dachte ernsthaft, dass ich 5 Jahre jünger als Sie bin. Verdammt! und doch konnte ich noch einmal mit ihr reden… Ich will doch nur noch einmal mit ihr Party machen…“<<

Wenn eine Seite derartige viele digitale Daumen sammelt, wie es die Spottet-Seiten momentan schaffen, stellt sich die Frage: Sind wir schüchterner geworden, und warum braucht es heutzutage digitale Kontaktanzeigen? Was ist denn aus dem traditionellen, direkten Ansprechen geworden? Vielleicht sollten wir digital Natives doch mal unsere Eltern und Großeltern um Rat bitten, denn die haben sich früher irgendwie gefunden, auch ohne Web 2.0. Ich möchte jedenfalls nicht Teil dieser Jugendbewegung sein.

*an diese Stelle darf sich jede Studentenstadt eintragen, die an dem amourösen Suche-Finde-Spiel teilnehmen möchte

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Music was my first love

Der frisch aufgebrühte Fencheltee ist noch zu heiß, um meine Kehle runterlaufen zu dürfen, da bleibt mir gerade mal eben die Zeit, die Geschichte meiner ersten CD zu erzählen. Es war 1998, ich war neun Jahre alt und hatte sturmfrei. Deshalb ging ich am frühen Januarnachmittag mit meiner Freundin Jessica zum einzigen CD-Geschäft unserer Kleinstadt. Bei Baumgarten gab es eigentlich hauptsächlich Bücher, man konnte Reisen buchen und eben ein paar CDs und Kassetten. Ich hatte zu Weihnachten 20 Mark von meiner Oma bekommen, und die wollte ich nun in Musik investieren. Für 20 Mark konnte ich mir nur eine Maxi-CD leisten, kein ganzes Album, aber das war in Ordnung. Ich musste mich zwischen den Chartknallern „Flugzeuge im Bauch“ von Oli P. oder „We like to party“ von den Vengaboys entscheiden. Ich war hin- und hergerissen, und diskutierte mit Jessica die Optionen. Nach ausgiebiger Coverbetrachtung, fiel die Wahl auf die Tanzhymne des Jahres, Oli ließ ich im doppelwandigen Regal links liegen. Die CD kostete mich 16 Mark und ich machte mich mit meiner Freundin auf nach Hause, um „We like to party“ im Kinderzimmer in Dauerschleife zu genießen. Dort angekommen, schmiss ich den Computer an, denn der hatte die besseren Boxen. Auf meiner Zimmerseite konnte man in die sehnsüchtigen Milchgesichtaugen von Aaron Carter und die Weichspülfratzen der Backstreet Boys gucken, auf der Seite meiner drei Jahre älteren Schwester starrten mich die Pickelgesichter von Angelo Kelly und seiner Bagage an. Endlich war es so weit: „tuuut tuuuu“ und „we like to party, we like, we like to party..“ tönte es uns entgegen. Das war toll. Aber die Freude war irgendwie nur von kurzer Dauer, ich hatte mich falsch entschieden. Jetzt wollte ich doch lieber die Kuschelballade von Oli P. haben. Also entschloss ich mich, die CD einfach umzutauschen, ich hatte sie ja eben erst aufgemacht und nur einmal kurz gehört, das sollte also kein Problem sein. Der Kunde ist schließlich König, auch wenn er erst neun Jahre alt ist. Also drückte ich die Eject-Taste des Computers und wartete auf das Rausfahren der CD-Schublade. Da war die CD auch schon draußen und ich holte sie ganz keck mit meinem Mittelfinger raus. Doch als ich sie in die CD-Hülle legen wollte, bewegte sie sich leider nicht vom Fingerknochen. Zieh zieh zieh, zerr zerr zerr. Aua. Ich zog und zerrte panisch an der CD, doch sie ging einfach nicht wieder runter vom Finger. Absolute Panik machte sich bei mir und Jessica breit. Ok, ich hatte wohl doch schon die eine odere andere Folge McGyver gesehen und rannte in die Küche. Dort schmierte ich mir Butter um den Finger und versuchte es erneut. Doch die Vengaboys tanzten keinen Milimeter vorwärts. Verdammt nochmal. Ich rannte ins Bad und schmierte mit alle Cremes, die ich finden konnte auf den Finger und ließ warmes Wasser über die Hand laufen. Ich zog und zog, doch es half nichts. Allmählich färbte sich meine Fingerkuppe blau-lila und wurde immer dicker. Ich war gefangen. Also griff ich zur letzten Möglichkeit, ich wählte die Handynummer meines Vaters. Meine Eltern waren zusammen mit meiner Schwester in Hamburg, um ihren Schminkkoffer, den sie zu Weihnachten bekommen hatte, umzutauschen. Denn er war pink, und pink wollte sie nicht. Doch natürlich hatten meine Eltern das Handy nicht dabei, sondern im Auto liegen gelassen. Nach ewigem Tuten sprang die Mailbox an und ich legte los: „AUA MAMA PAPA! AUA AUA!“ Heul, schluchz. Ich schrie voller Panik in den Hörer, „ES TUT SO WEH!!!!“ und legte dann auf. Für mich war nun die Entscheidung gefallen, Finger verlieren oder CD kaputt schneiden? Jessica holte auf meinen Befehl hin die Schere und machte kurzen Prozess mit den Vengaboys. Schnipp, schnapp – die CD war kaputt und die Durchblutung meines Mittelfingers setzte langsam wieder ein. Durchatmen. So konnte ich die CD natürlich nicht mehr umtauschen, das war mir klar. 16 Mark für eine zerschnittene CD, die ich nur ein einziges Mal gehört hatte. Spitzenmäßig.

Wir versuchten uns abzulenken und bauten eine Deckenhöhle unter meinem Schreibtisch. Nach einer Stunde klingelte das Telefon und ich ging ran. „Ja?“ Mein Vater war am anderen Ende der Leitung und fragte entsetzt und panisch „Wie ja? WAS IST LOS? WAS IST DENN PASSIERT?“. Da fiel mir mein Anruf von vorhin wieder ein, ach stimmt ja. „Achso, alles wieder gut. Ich habe mir eine CD auf den Finger gesteckt und musste sie nun zerschneiden. Erzähl ich euch später.“, beruhigte ich ihn.

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Strg + Alt + Entf

Ich: „Ich habe mein Studium erfolgreich abgebrochen.“

Jemand: „Ach schön, was hast du denn stu… ehh… WAS hast du gerade gesagt?“

Ich: „Ich habe mein Studium erfolgreich abgebrochen“

Jemand: „Und was machst du jetzt?“

Ich: „Jetzt lebe ich.“

 

Dieses fiktive Gespräch führe ich seit mindestens einem Jahr in Endlosschleife in meinem Kopf, doch der letzte Satz variiert je nach Stimmungslage. An einigen Tag ist es eher ein „Jetzt weiß ich nicht weiter“, in euphorischen Momenten „Jetzt bin ich endlich frei“. Doch Reue ist es nie. Nunmehr ist genau ein Jahr vergangen seitdem ich mich in den Endlosstrudel von Generation Praktikum begeben habe, und dieses Jahr war äußerst anstrengend, ereignisreich, wechselhaft, neu, frei. Ich bin vom kalten und doch lieb gewonnenen Greifswald ins großartige aber zunächst sehr fremde Leipzig gezogen. Dort habe ich viel gearbeitet, durfte mit jeder Menge Zufall zauberhafte Menschen kennen und lieben lernen, war zeitweise trotzdem furchtbar einsam und bin dann vom Osten gen Westen gezogen. Nach Hamburg. Und das ist so paradox, das glaubt kein Mensch. Hamburg ist nun wirklich die Stadt, in die ich nienienie wollte. Ich wollte doch immer nach Berlin. Denn unsere Hauptstadt ist kreativ, Hamburg ist viel zu chic. So dachte ich mir das immer als Provinzgöre. Aber nach Greifswald wollte ich ja auch nie, und Leipzig hatte ich 23 Jahre lang ebenfalls nicht auf dem Schirm. Immer neu, immer anders als gedacht – dieser rote Faden spinnt sich bisher fleißig durch mein Leben. Na gut, dann eben so. Was mir dieses Hin & Her gebracht hat?

 

Ich weiß jetzt, dass ich erst mal genug habe vom Leben aus dem Koffer. Ich weiß jetzt, dass ich großartige Freunde habe, die sich auch nach monatelanger Kontaktabstinenz anfühlen, als wären sie immer da. Ich weiß jetzt, dass so ein Studium wenigstens dabei hilft, schnell auf Menschen zu treffen, die ähnlich ticken. Ich weiß jetzt, dass ich noch immer das gleiche Zukunftsziel habe. Ich weiß jetzt, dass ich etwas wert bin. Ich weiß jetzt wieder, dass ich etwas kann. Ich weiß jetzt, dass mein Leben vor allem von meinen Entscheidungen und vom Zufall bestimmt wird. Ich weiß jetzt, wer hinter mir steht. Ich weiß jetzt, dass ich Mut bewiesen habe. Ich weiß jetzt, was vermissen heißt. Ich weiß jetzt, was Bauchgefühl bedeutet. Ich weiß jetzt, dass es spannend bleibt und die Platte des fiktiven Dialogs noch eine ganze Weile vor sich hinspielen wird.

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Sea + Air – „My Heart’s sick Chord“

Wo anderenorts die Krise ausbricht, entsteht mit dem deutsch-griechischen Ehepaar Eleni und Daniel Benjamin etwas, das harmonischer nicht sein könnte. Sie und er machen sich als Sea + Air mit altertümlichem Cembalo und jeder Menge modernen Krimskrams auf, um die Popwelt neu zu arrangieren. In der Tat bedarf es im Umgang mit Johann Sebastian Bachs Lieblingsinstrument einer gewissen Fingerfertigkeit. Kein Wunder also, dass bisher kaum ein anderer Popmusiker aufs Cembalo setzte. Anders Sea + Air: Das Duo hat auf 1 200 Konzerten (u. a. mit Whitney Houston, Sufjan Stevens, José Gonzalez) geübt. Außerdem schmiegen sich die Stimmen der Zwei in Stücken wie „Do Animals cry?“ oder „Like a Spy on the Roof“ so herzallerliebst aneinander, dass man vor Rührung fast jauchzen möchte. Von deutsch-griechischer Krise also keine Spur.

Sophie Lagies

kulturnews, Ausgabe 11/2012)

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Binoculers – „There is not enough Space in the Dark“

Hach, ist das Zweitwerk von Nadja Rüdebusch wieder kuschelig schön geraten! Die schlichten Gitarrenakkorde, vereinzelten Loops und ihre sanften Worte umschmeicheln die eigene Herbsttagsmelancholie während es draußen immer karger und kühler wird. Wenn sich dann in „Sister“ noch ein Harmonium dazugesellt und die Hamburgerin einem „and if you teribbly tired inside your capsule of silence / sleep tight“ in den Nacken säuselt, kann man sich wirklich keinen gediegeneren Kammerfolk vorstellen. Die 15 Stücke von „There is not enough Space in the Dark“ sind der kleine Silberstreif am Popfirmament; ihre Musik erhellt das traurige Gemüt mit präzisem Minimalismus. Sie fügt sich damit der eigenen Befindlichkeitsfixiertheit. So bleibt einem am Ende nichts anderes übrig, als sich mit Tee und Decke auf das heimische Sofa zu lümmeln, währenddessen sie von Flüssen, Fenstern, Häusern oder Zeit singt.

Sophie Lagies

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